Ersticken wir an öffentlichen Schulden?

Der aktuelle Neuwirth Finance Zins-Kommentar

Weltweit steigt die öffentliche Verschuldung derzeit sowohl relativ zur Wirtschaftsleistung als auch in absoluten Zahlen. Gleichzeitig hat sich die Zinslast strukturell erhöht, da auslaufende Anleihen zunehmend zu teureren Konditionen refinanziert werden müssen. Diese Kombination aus wachsendem Schuldenberg und steigenden Finanzierungskosten setzt Staatshaushalte rund um den Globus zunehmend unter Druck. Erfahren Sie in der heutigen Ausgabe des Zinskommentars, ob die öffentlichen Schulden zunehmend zu einem globalen Problem werden könnten.

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung diesseits und jenseits des Atlantiks: In den USA liegt die Schuldenquote mittlerweile bei rund 125 Prozent des BIP. Wie das US- Finanzministerium erläutert, wächst die Zinslast auf die ausstehenden Bundesschulden mit der Höhe der Schulden tendenziell mit, sodass die Zinsausgaben inzwischen einen wachsenden Anteil am Bundeshaushalt beanspruchen, Geld, das an anderer Stelle für Investitionen oder Sozialleistungen fehlt. Übersteigt der Schuldendienst die verfügbaren Einnahmen, entsteht ein Defizit, das wiederum über neue Kreditaufnahme finanziert werden muss, eine sich selbst verstärkende Dynamik, die längst nicht mehr nur die USA betrifft.

In der Eurozone lag die durchschnittliche Schuldenquote laut Eurostat zum Ende des vierten Quartals 2025 bei 87,8 Prozent des BIP, nach 88,4 Prozent im Quartal zuvor. Das Bild bleibt jedoch höchst heterogen: Frankreich verzeichnete mit 115,6 Prozent einen der höchsten Werte im Euroraum und lag damit 2,9 Prozentpunkte über dem Vorjahresniveau, verschärft durch anhaltende politische Instabilität und wiederholtes Scheitern an tragfähigen Konsolidierungsplänen. Spanien kam demgegenüber auf 100,7 Prozent, nachdem die Quote binnen eines Quartals um 2,5 Prozentpunkte gesunken war. Ein Rückgang, der vor allem robustem Wachstum zu verdanken ist. Deutschland erscheint mit 63,5 Prozent des BIP noch vergleichsweise solide, doch die Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung dürften diesen Puffer in den kommenden Jahren spürbar aufzehren. Das Vereinigte Königreich, das nicht Teil der Eurozone ist, bewegt sich je nach Abgrenzung zwischen rund 96 und über 100 Prozent des BIP, ein Niveau, das zuletzt in der Nachkriegszeit erreicht wurde. Bemerkenswert ist dabei, dass keines der betrachteten Länder wieder auf sein Vorkrisenniveau aus dem Jahr 2019 zurückgefunden hat: Damals lag die Schuldenquote in Deutschland bei rund 59,6 Prozent, in Frankreich und Spanien bei jeweils rund 98 Prozent, in den USA bei rund 109 Prozent und im Vereinigten Königreich bei rund 85 Prozent des BIP. Die Pandemie hat also nicht nur einen einmaligen Schuldensprung ausgelöst, sondern die fiskalische Basis in allen fünf Volkswirtschaften dauerhaft auf ein höheres Niveau gehoben, von dem aus seither weiter zugelegt wird.

Abbildung 1: Öffentliche Schulden ausgewählter Länder in % des BIPs

20260901 Abbildung 1

Quelle: Fred (2026), Eurostat (2026), ONS (2026); eigene Darstellung

Der eigentliche Brandbeschleuniger in all diesen Fällen ist die Zinsentwicklung. Nach Jahren historisch niedriger, teils negativer Realzinsen mussten Staaten ihre auslaufenden Anleihen zuletzt zu deutlich höheren Kupons refinanzieren. Dieser Roll-over-Effekt wirkt mit Verzögerung, aber unerbittlich: Selbst, wenn Notenbanken wie die Fed oder die EZB die Leitzinsen inzwischen wieder senken, bleibt die durchschnittliche Verzinsung des Schuldenbestands noch längere Zeit erhöht, weil ältere, günstigere Anleihen sukzessive durch teurere ersetzt werden. Gleichzeitig sitzen hochverschuldete Staaten in einer Zwickmühle: Zinssenkungen lindern zwar kurzfristig den Druck, befeuern aber tendenziell auch wieder die Inflation, was die Notenbanken erneut zum Gegensteuern zwingen könnte. Steigt der Marktzins schneller als das nominale Wirtschaftswachstum, gerät die Schuldendynamik endgültig außer Kontrolle, ein Szenario, dem sich vor allem Frankreich, die USA und Großbritannien derzeit gefährlich annähern, während Deutschland und Spanien noch etwas mehr fiskalischen Spielraum besitzen.

Gefällt Ihnen unser Zins-Kommentar und haben Sie Wünsche oder Anregungen? Dann schreiben Sie uns gerne direkt an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Diesen Zinskommentar herunterladen

Einen wunderschönen Tag wünscht Ihr Kurt Neuwirth

neuwirth kurt neuwirth profile

Zinskommentar abonnieren

captcha

Mit dem Klick auf ‚Absenden‘ erklären Sie sich mit dem Empfang des Newsletters mit Informationen zu, z. B.: unseren Leistungen, unserem Unternehmen sowie mit dessen Analyse durch individuelle Messung, Speicherung und Auswertung von Öffnungsraten und der Klickraten in Empfängerprofilen zu Zwecken der Gestaltung künftiger Newsletter entsprechend den Interessen unserer Leser einverstanden. Die Einwilligung kann mit Wirkung für die Zukunft widerrufen werden. Ausführliche Hinweise erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Wieviel Kapitalgeber finanzieren Ihr Vorhaben? In 2 Minuten wissen Sie es genau.

Sie suchen Mezz-Kapital

News Quick Check

Investieren Sie in erstklassige Assets und Projekte mit ausgezeichneter Rendite.

Sie vergeben Mezz-Kapital

News Jetzt informieren